Das Baumhaus

Auf ungewöhnlichem Weg wurde eine abgestorbene Ulme von Steenodde nach Wittdün transportiert, wo sie künftig das Fundament für ein Baumhaus bilden soll. Für die schmalen Inselstraßen zu breit, musste der mächtige alte Baum auf dem Seeweg transportiert werden.

Die letzten beiden Ulmen auf der Insel sind seit kurzem aus dem Ortsbild von Steenodde verschwunden, und doch wird ein Baum der Insel erhalten bleiben. Der Zimmerer- und Dachdeckermeister Hans-Martin Bissegger hat ihn komplett absägen lassen, um ihn auf seinem Grundstück in Wittdün wieder aufzustellen. Viele Behördengänge waren notwendig, um diese Aktion in die Wege zu leiten. Mit einem Kran wurde der Baum angehoben und auf einen Anhänger einer Baustofffirma gepackt. An einen Transport über die Insel war aufgrund der Breite der alten Ulme von über siebeneinhalb Metern nicht zu denken, von der Höhe ganz zu schweigen. Schilder und Straßenlaternen hätten auf dem Weg von Steenodde nach Wittdün wahrscheinlich arg gelitten.
Mit dem auf Amrum stationierten Tonnenleger „Johann Georg Repsold“ des Wasser- und Schifffahrtsamtes Tönning fand sich allerdings eine Lösung: Der Baum wurde über den Wasserweg nach Wittdün gebracht. An der Steenodder Mole wurde die fast 100 Jahre alte Ulme, deren Stamm einen Durchmesser von knapp einen Meter misst, auf das Schiff verladen und Richtung Fähranleger Wittdün verschifft.

Hier ging es wieder zurück auf den Anhänger in Richtung Mittelstraße. Kleine Straßen und enge Kurven machten die Aktion zuguter Letzt noch zu einem schwierigen Unterfangen. Nur wenige Millimeter trennten den Baum von den Straßenlaternen oder Schildern. Für die letzte Kurve vor dem Ziel wurde der Baum regelrecht passend gesägt, bis er kurze Zeit später an seinem Zielort angelangt war. „Das war Milimeterarbeit“, tönte es von allen Seiten. Selbst Bissegger war von der eigenen Aktion überwältigt. „Ganz schön verrückt“, kommentierte er den Transport während er mit der Motorsäge nebenher lief, und hier und da das Monstrum nochmal zurechtstutzte.
Die größte Hürde stand allerdings noch bevor. Das knorrige Ungetüm musste nun irgendwie zwischen drei Häusern und einem davorstehen Baum genau platziert werden. Selbst für den Kran wurden die 3,8 Tonnen Gewicht eine Herausforderung. Der Arm des Krans konnte nur möglichst senkrecht ausgefahren werden, da sonst das Gewicht des Baumes ihn leicht hätte zum Kippen bringen können. Mit Gurten und viel Feingefühl von Kranführer Mario Bruns zogen Bissegger, Erk Tadsen und Torsten Fahrenbach, ein Freund der Familie, die abgesägte Ulme in einer Drehbewegung um die eigene Achse bis sie, unter dem Zerbersten von einigen Ästen des davorstehenden Baumes, an ihrem endgültigen Standort platziert werden konnte.
Auch die Nachbarn waren zur Stelle, um zu helfen. Einige neugierig gewordene Passanten hörten schon fast die Scheiben des Wohnhauses klirren, doch die Äste zogen auch hier milimetergenau vorbei. Lediglich zwei Dachziegeln und eine Regenrinne nahmen Schaden, als der Baum kurzzeitig am Dach lehnte.
Jetzt steht das Ungetüm, abgestützt mit Holzpfeilern, auf seinem Platz. Für Bissegger geht damit ein kleiner Traum in Erfüllung. Er möchte darauf ein Baumhaus errichten. Schon seit dem letzten Jahr hängt die Zeichnung für das Baumhaus an der Küchenwand bei Familie Bissegger-Buda. Auch Töchterchen Jula verfolgte die Aktion mit großen Augen und Ehefrau Renate ist froh, dass der Baum sein Ziel ohne große Zwischenfälle erreicht hat. „Das ist einfach ein Naturkunstwerk und die Krönung ist ein kleines Häuschen darauf“, freut sich Hans-Martin Bissegger über das Prachtstück von Ulme und das gute Gelingen dieser aufwendigen Aktion, die er selbst als „„härteste Herausforderung“ bezeichnet.

Föhr-Amrumer Nachrichten, 31. Januar 2005, ck
“Riesen-Baumhaus: Transport über See und viel Millimeterarbeit”